Zona Sur

Ja gut, ist jetzt schon etwas Zeit vergangen. Ich muss sagen, ich hatte einfach keine Lust. Macht nicht mehr so viel Spaß wie am Anfang, dieser Blog. Aber jetzt wollte ich mal wieder. Das Folgende beschäftigt mich massiv, und ich hoffe euch nach dem Lesen auch.

An einem Freitag, der nun über eine Woche her ist, war ich das erste Mal richtig in der Zona Sur (Südzone) von La Paz. In der Zona Sur leben wohl „die Reichen“. Deshalb ist sie bei den anderen Freiwilligen schon immer verpöhnt gewesen. Als ich dort war, konnte ich auch verstehen wieso. Es gibt dort Boutiquen, schicke Gebäude, Villen und viele Weiße. Es ist also ein bisschen wie Deutschland. An dem Abend hatte Sebastian seine Verabschiedung gefeiert, weil er am Tag darauf nach Independencia, ein 3000 Einwohner-Dorf „in der Nähe“ (6 Stunden Busfahrt) von Cochabamba abziehen sollte, wo sein eigentliches Projekt war. Hier hatte er nur den Visumskram erledigt. Nach lecker Spaghetti mit Tomatensoße hat uns Julia, Freiwillige von einer anderen Organisation, zu einem Konzert in einer Rockbar in der Zona Sur geschleppt, weil ein Freund von ihr erster Gitarrist dieser Band war. Das erste Mal Zona Sur war wie der Blick auf den Sportlehrplan der Oberstufe („Wer braucht das alles??“) Doch ihr könnt es euch nicht vorstellen. Ich als El Alto-Freiwillige bin da durchgelaufen und habe die ganze Zeit nur „Krass“ und „Alter“ gesagt und den Kopf geschüttelt. Aber eigentlich ist es auch nicht schlimmer als jede beliebige deutsche Fußgängerzone. Ich habe mich einfach nur an andere Umstände gewöhnt. Einfachere Umstände, die aber sehr viel pragmatischer und trotzdem kaum weniger komfortabel sind. Ich gehe meine Klamotten nicht mehr in Boutiquen oder bei H&M kaufen, sondern gehe auf die Feria, den riesigen Markt in El Alto und wühle mir in riesigen Haufen coole, gebrauchte Vintage-Oberteile heraus, für die ich dann umgerechnet ungefähr 50 cent bezahle. Das ist nicht nur extrem ökonomisch für alle Beteiligten, sondern macht auch viel mehr Spaß. Dann kann ich bei mir um die Ecke Almuerzo (Mittagessen) essen gehen, für ca. 1,70 Euro frisch gekocht Suppe, Hauptgang, Nachtisch, Getränk. Dann noch ein Blick in besagte Rockbar, in der die Getränke doppelt so viel kosten, wie in den Bars die wir sonst besuchen, und schnell wird klar, dass man sein Geld genauso gut im nächsten Haufen Hundescheiße vergraben könnte. Wär doch witzig. In Deutschland ist es eben leider genauso. Aber der direkte Vergleich ist hier so präsent. Ludwins Familie hat für wenige Bolis jeden Tag leckeres Essen und fährt bequem mit netten Menschen im Minibus durch die Gegend, während wenige Kilometer weiter Leute Champagner und Sportwagen kaufen, anstelle eines neuen Keyboards für die musikalischen Kinder im Inti (Wink mit dem Zaunpfahl an Leute, die noch Geld für Weihnachtsgeschenke über haben). Das finde ich ja auch furchtbar in der Zona Sur, dass sich wirklich viel Luxus gegönnt wird, was ich aber nicht verstehen kann ist, wie man denn dabei nicht gleichzeitig sich selbst und die Umstände, aus denen wir kommen, verurteilen kann. Wieso soll es denn hier schlimmer sein, viel Geld zu haben, als bei uns zuhause in Deutschland? Wieso ist die Zona Sur „ekelhaft“ und Deutschland nichts weiter als deine Heimat? Gerade weil es deine Heimat ist? Leben deine Eltern denn anders, als die Menschen in der Zona Sur? Wir sollten gefälligst vor der eigenen Haustür kehren. Leute, die in Irpavi in Villen wohnen, interessiert es genauso wenig wie jene in Deutschland, dass in El Alto nachts Kinder auf der Straße arbeiten müssen und das Brigilda in Senkata unseren kleinen Alvaro ohne Unterstützung seines Vaters mit ihrer kleinen Tienda durchbringt. Und genauso ignorieren unsere Leute zuhause, dass es vielleicht sinnvollere Ausgaben, als das Sky-Bundesligafernsehdings gäbe. Und gerade wir, als Freiwillige hier, sollten meiner Meinung nach keine Scheu haben, unser Geld in bestimmten Umgebungen zu lassen. Wenn ich auf der großen Feria bin, habe ich keinen Grund, nicht einfach 30 Brötchen für umgerechnet 60 cent zu kaufen und sie an bettelnde Kinder zu verteilen. Ich habs doch. Sie nicht. Trotzdem komme ich hier schwer aus meinem Luxus raus. Ich gehe trotzdem feiern und leiste mir Dinge, die sich andere hier in meiner direkten Umgebung nicht leisten können. Und dann schäme ich mich dafür, dass ich für teuer Geld in La Paz auf dem Konzert von der Band war, die Marcelo so gerne mag und erzähle es ihm nicht. Aus diesem Dilemma komme ich nicht raus, weil zu undiszipliniert bin, auf solchen Luxus zu verzichten und zu Ludwin und seiner Familie, die für mich schon wie meine Gastfamilie sind, zu ziehen. Das liegt wohl zum einen daran, dass ich meine neuen BKHW-Freunde weiter um mich haben will, aber ich genieße es auch ganz schön, das erste Mal selbstständig und frei zu sein, und mir ganz, ganz viel Spaß leisten zu können. Zufrieden bin ich aber so nicht mit mir.

Hiernach schaffe ich es nicht mehr, die schönen Sachen aufzuschreiben, die wir letztes Wochenende mit unserem Besuch aus Santa Cruz und Sucre unternommen haben und vom fertig gedichteten Lied „Mi Sueno“ meiner Musikgruppe zu schwärmen. Vielleicht morgen.

Bis danni, ihr Lieben.

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