Monate später

Hallo nochmal. Um dem Ganzen so etwas wie einen Rahmen oder ein Schlusswort zu verpassen, erzähle ich euch noch, wie ich in Deutschland angekommen bin und was ich jetzt so treibe.

Den Eintrag würde ich insgesamt als frei heraus bis durcheinander einstufen… Und es gibt nichts politisches oder aktuelles, nichts, was mit einer der vielen Krisen zu tun hat. Ich will mich hier nicht verrennen. Ich hoffe, es liest sich nicht allzu konfus. Dafür ist es ja auch nicht so lang…

Was mache ich so? Ich habe im Oktober angefangen, in Bonn Spanisch und Französisch auf Bachelor zu studieren, um im folgenden Jahr nach Köln zur Europäischen Rechtslinguistik zu wechseln. Vor allem die Theorien der Literaturwissenschaft haben mir echt viel Spaß gemacht (keine Ironie), aber im Dezember hat mich jemand an meinen eigentlichen seit mindestens 6 oder 7 Jahren in mir schlummernden Traumberuf erinnert, Musiklehrer. Das muss einfach in jeder Hinsicht die beste Arbeit auf der Welt für mich sein. Ich habe immer direkt ausgeschlossen, dass gut genug bin, an der Musikhochschule aufgenommen zu werden. Aber irgendwie habe ich auch vergessen, dass man für etwas hart arbeiten kann und es vielleicht sogar gar nicht so schwierig ist, wenn man wirklich liebt, was man tut. Deshalb bereite ich mich jetzt auf die Aufnahmeprüfungen an den  Musikhochschulen des Landes im Sommer vor. Zur Musik später mehr. Das ist eigentlich alles. Ich habe es verkackt, mich für die Unirüfungen in Spanisch und Französisch anzumelden, aber ist mir eigentlich auch egal. Manchmal arbeite ich auch ein bisschen, damit ich den sündhaft teuren Musikunterricht bezahlen kann.

Beruhigt kann ich sagen, dass die Rückkehrer-Gruselgeschichten sich bei mir ganz und gar nicht bewahrheitet haben. Man erzählte mir von Ex-Freiwilligen, die nach 5 Jahren mental noch nicht zuhause angekommen waren, die in Deutschland nicht mehr glücklich wurden. Das habe ich eine zeitlang nicht für übertrieben gehalten. Ich habe ungefähr bis November auf den großen Gefühlscrash gewartet, aber er kam einfach nicht. Allein das Nachhausefliegen an sich war ein einziges Gefühlsgefüge aus Abschiedskummer, Vorfreude, Verwirrung, Angst, und mehr als alles andere, Bauchweh. Kennt ihr das, wenn Bauchweh ein Gefühl ist? Das hat nichts mit allen anderen teilweise gewaltsam verwortlichten Gefühlen zu tun, sondern geht ganz intensiv durch und durch, mehr als nur Aufregung. Für mich ist es eigentlich das Gefühl von Verliebtsein. Aber wenn man nicht so ganz genau weiß, woher das Bauchweh kommt und kein Gedanke an irgendeine Person als Ventil funktioniert, wird das echt anstrengend. Ich hatte ungefähr zwei Monate lang Bauchweh, einen Monat vor und einen nach der Rückreise. Am Tag des Fluges hatte es seinen Höhepunkt Nach dem Nachbereitungsseminar ging es weg.

Das technisch schwierigste war nicht, Bolivien zu verlassen, sondern in der Heimat anzukommen. Alle altbekannten Orte sahen auf einmal ganz anders aus und ich musste mich angestrengt erinnern, wie etwa die Hockeyhalle vorher für mich ausgesehen hatte, um mich nicht komplett neu daran gewöhnen zu müssen. Bei einigen Orten hat es nicht funktioniert. Zum Beispiel der Eingang in die Tiefgarage auf dem Marktplatz ist und bleibt mir seitdem ein rätselhafter Anblick. Da ist einfach eine unscheinbare Tür im Boden, die in eine große unterirdische Halle führt. Hallo?? Wie krass ist das denn. Viele bolivianische Gewohnheiten habe ich nach und nach mit viel Mühe abgelegt, um nicht hier nicht wahnsinnig zu werden. Im Supermarkt einzukaufen macht mir aber immer noch keinen Spaß mehr. Ein neuer Blickwinkel auf unser Konsumverhalten ist natürlich der Standard unter Rückkehrern und auch bei mir nicht zu leugnen. Mein Lebensstil ist nur ein kleines bisschen „besser“ als vor Bolivien, aber viel bewusster. Das ist vor allem für mich selbst eine Bereicherung. Was es (mir) wert ist, genossen zu werden, genieße ich und genieße ich in Maßen, vor allem leckeres Bier und heißes Wasser in meinen privaten Sanitäranlagen. Manchmal denke ich für einen Moment, Hey, du kannst doch jetzt nicht schon wieder heiß Duschen! Hab dich mal im Griff und sei nicht so gierig! Andere Luxusgüter wiederum möchte ich einfach nur in die Tonne kloppen. Wer auf Erden braucht Haarshampoo mit Kokos-Ananas-Karibik-Litschi-Rosenblüten-Geschmack und Sweet Seduction-Geruch? Und Ohrringe mit kleinen glänzenden Weihnachtsmannstiefeln dran? Den neuen Film von Til Schweighöfer oder wie er heißt? WER KAUFT DAS ALLES? Es muss doch wenigstens ein bisschen Liebe drinstecken.

Aber auch das war ein langsam wachsender Prozess und ein Hin und Her, das nun langsam seine Balance erreicht. Ich muss sagen, ich kam gefühlsmäßig echt abgebrüht aus Bolivien zurück. Ich weiß nicht, ob ich dort so viel Liebe verschwendet habe, dass ich für Deutschland nichts mehr übrig hatte, oder ich mich vielleicht in der intensiven letzten Phase von meinen eigenen Gefühlen ein wenig abgeschottet hatte, quasi als Selbstschutz. Und nun, genau 5 Monate später bin ich schätzungsweise in 46 Leute gleichzeitig verliebt, aber am allermeisten, und das Gefühl war noch nie so stark, in die Musik. In einfach alles, was Musik ist. Das klingt so doof. Aber ich habe ein Verliebtheitsbauchweh, wenn ich tolle Musik höre. Besonders, wenn ich sie da höre, wo ich sie als einzige höre. Darauf hat mich vor ein paar Wochen jemand gestoßen, da wäre ich nicht selbst drauf gekommen: Den krassesten Rausch erlebt man dadurch, durch die Stadt zu laufen, und nach Obertönen zu hören. Selbst wenn man sie nicht oder nur ab und an einen Kleinen wahrnimmt, begibt man sich mit seinem Hören auf eine ganz neue Klangebene, auf der die Geräusche stattfinden. Es fühlt sich an, als würden Töne vom Himmel fallen. Besser als jedes Gras. Da ist so viel, was ich immer überhört habe. Auf einmal hat das O beim Einsingen mit dem Chor einen so schön penetranten Oberton, dass ich nicht mehr verstehe, wie der nie bei mir ankommen konnte. Gerne sitze ich ewig lang am Klavier, trete das rechte Pedal, singe hinein und höre, was da so zurückkommt. Ansonsten spiele ich seit diesem Jahr wieder verhältnismäßig intensiv und mit viel Freude Cello und neuerdings Jazzklavier und singe laut und hoch in einem großen Chor. Manchmal mache ich mit einer absolut coolen Musikerin auf der Straße mit Gitarre und zweistimmigem Gesang für die Fußgängerzone Musik, und unter der Dusche übe ich, ganz laute Obertöne zu singen. Jazzklavier ist einfach nur voll mein Ding. Eigentlich ist es das, was ich schon seit Jahren am liebsten mache, nämlich nach Akkordsymbolen und/oder Gehör Lieder improvisieren, aber das endlich durch Technik- und Harmoniewissen zu erweitern weckt ganz neue Vorstellungen vom Klavierspielen in mir. Sowohl der Cello- als auch mein Klavierlehrer inspirieren mich total und ich will einfach nur so gut werden wie sie und genauso schön spielen und komponieren. Es macht mich alles sehr glücklich und ich will das für immer, und mit anderen dieses Glück teilen. (Das klingt, als hätte ich gerade geheiratet.)

Mit den Intis habe ich nur ab und an Kontakt, vor drei Tagen haben wir zuletzt geskypt. Der jetzt dreijährige Marcos spricht schon wie ein richtiger Mensch und kann sich noch an mich erinnern! Als er mich auf dem Bildschirm sah, hat er einfach gefragt warum „Kalita“ ihre blaue Mütze nicht trägt. Ludwin hat mir ausführlich erzählt, was gerade im Inti passiert und ich habe ihm erzählt, was gerade bei mir passiert. Zwei Kinder gehen mit einem „Stipendium“ von meinem Papa auf eine gute Privatschule und glauben immernoch, sie träumen. Ludwin und Iveth arbeiten an einem Konzeptvorschlag für eine Partnerschaft/Austausch/whatever mit meiner alten Schule und die Jugendlichen gestalten irgendetwas Persönliches dazu, damit wir den Kontakt irgendwann ernsthaft und mit der nötigen Motivation angehen können. Ich hoffe aus vielen Gründen sehr, dass das klappen wird und bin recht zuversichtlich. In meinem Spartempo und dank „Manni“ dem BilderSparbuch, sollte es mir im Sommer 2017 möglich sein, für ein paar Wochen zurückzufliegen. Ansonsten sind sie wie immer beschäftigt mit Workshops, Unterricht und Jugendgruppe, aber dieses Jahr wohl alles ohne Einkünfte, weil das Finanzierungsprojekt im Oktober ausgelaufen ist. Es läuft soweit ich weiß gerade alles über Spenden und das Honorar, was die Trommelgruppe gelegentlich für Auftritte bekommt. Man sollte spenden. Das ist einfach alles so gut, was dort gemacht wird. Spendet!

Etwas, was ich noch mitgebracht habe, ist ein seltsames Gefühl dafür, welche Menschen in welchem Maß zu mir oder zueinander gehören und ein gewisser Aberglaube. Die Intis und vor allem Franco haben mir ein krasses Verbundenheitsgefühl zwischen Menschen beigebracht, dass ich vorher so nicht kannte. Dazu gehört eine Voraussicht und Sensibilität für Ereignisse und Begegnungen, die vielleicht etwas bedeuten mögen. Solche Ereignisse und Begegnungen, die sich in letzter Zeit auf eine Weise häufen, dass man stark am Zufall zweifeln sollte, geschehen natürlich auch erst seitdem ich an so etwas glaube. Aber sie geschehen. Nun ja, wisset, dass es mich Überwindung kostet, meine spirituellen Gedanken hier anzudeuten.

 

Gut, das war es dann, vielleicht zum letzten Mal, vielleicht nicht.

Adios carajo

 

Ich möchte ein paarmal meinen ganzen Namen hier reinschreiben, damit das alles hier bei den Google-Ergebnissen erscheint, wenn man „klara leinen“ und „klara leinen bonn“ eingibt. Man muss ja vorausdenken. Noch schäme ich mich für nichts! klara leinen bonn klara leinen bonn klara leinen bonn klara leinen klara leinen klara leinen klara leinen klara leinen klara leinen klara leinen klara leinen bonn

2 Gedanken zu „Monate später

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