Ganz kurz und ganz bewusst

Vor einigen Tagen haben mir die Anderen von der sogenannten ”Kulturschock-Kurve” erzaehlt, die wohl Thema auf ihrem Vorbereitungsseminar war. Die Kurve beschreibt 3 Phasen. Die erste ist die “Honeymoon-Phase”, in der alles Neue einfach nur toll und interessant erscheint und der Betroffene daraus Euphorie zieht. Aber es folgt die “Krise”. Es ist nicht alles so grossartig und einfach, wie es schien, der Betroffene sehnt sich nach der gewohnten Kultur. Doch auch diese Phase wird ueberwunden durch die “Anpassung”. Man kommt langsam in der neuen Kultur an und gewoehnt sich an den Alltag. Diese bloede Kurve habe ich echt in einem heftigen Ausmass durchlaufen. Ich scheine da auch irgendwie die Einzige zu sein, aber was solls, es ist ja immer schoen, wenn Gefuehlszustaende sich erklaeren lassen. Bei mir gings auf jeden Fall von himmelhochjauchzend, dass ich so ein geiles neues Leben hab, ueber tiefste Todtraurigkeit, schlimmes Heimweh und eine fast depressive Lebensfuehrung bis zu meinem jetzigen Alltag. Der ist wieder ganz Klara-normal, also morgens eine Dreiviertelstunde zum Aufwachen und fuenf Minuten zum Fertigmachen brauchen (ich dachte das wird besser, wenn ich erst um halb 10 auf Arbeit sein muss…naja), bei der Arbeit, als Entsprechung fuer die Schule frueher, extrem gut drauf sein und in der Freizeit ausschliesslich essen, Gitarre spielen und Sport machen. Das einzige, was sich von frueher unterscheidet, ist, dass ich an die Vergangenheit, nicht an meine Zukunft denke.

Nun zu den lustigen Geschichten. Vor einigen Wochen war Tommy, der Chef des BKHW in Bolivien. Er musste zu irgendeiner grossen Konferenz in Cochabamba und hat vorher alle Projekte besucht. Ich wusste, dass er und meine Koordinatorin Anne am Samstag um 17 Uhr ins Inti kommen sollten. Um 16 Uhr sagte Ludwin mir aber, ich solle bitte mit Hortencia gegenueber bei Giovanas Onkels Hochzeit Blumen vorbeibringen. Giovana schreibe heute eine Klausur und er habe gerade Gartenarbeit gemacht und sei deshalb zu schmutzig, um auf eine Hochzeit zu gehen. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob nicht jemand anders den ganzen Vormittag ueber das Beet umgegraben hatte, jemand namens Klara war es, glaube ich. Mit Hortencia, seiner Schwester, ja, meiner alten Gastmutter. Nach Allem, was passiert ist, sollte man eigentlich denken, dass wir uns nicht ausstehen koennen, aber eine beidseitige Faehigkeit, Gutes in den Leuten zu sehen, was fuer Worte sie auch verloren haben moegen, hat uns gut neu anfangen lassen. Ich dachte also wir geben schnell die Blumen da ab und gehen wieder. Vor Allem, weil weder Hortencia noch ich diesen Onkel ueberhaupt kannten. Aber als wir in den Festsaal kamen, war die Hochzeitsmesse gerade im Gange. Das war fuer mich ein wirklich bizarres Bild. Wenn man mal einen dieser kleinen Festsaele von innen sieht, ahnt man, wieso hier und da und ueberall in Senkata Geld fehlt, gelegentlich eine Strasse zu asphaltieren. Trotz aufwaendiger und bunter Innenarchitektur bestand die Einrichtung aus ein paar in der Ecke aufeinandergestapelten Musikboxen, einem Haufen kleiner weisser Klappstuehle aus Plastik und einigen Tischen dieser Art, und auf jedem standen zwei Flaschen Bier, ein Liter Whisky und eine Cola bereit. An dem Bier hatte sich ein Bruder des Braeutigams bereits ordentlich bedient und sagte sehr freundliche bis gruselige Dinge zu uns, waehrend alle die Messe hoerten. Als das Paar verheiratet war, begann es mit Hilfe der Trauzeugen, das war wohl ein Brauch, irgendwelches vergoldetes Getreide und Rosenblueten ueberall auf den Boden zu streuen. Dann stellten die vier sich in einer Reihe vor dem Altar auf und jeder Gast streute ihnen allen Schnipsel auf den Kopf. Auch wir gratulierten unbekannterweise und ueberreichten endlich die Blumen und der Braeutigam versicherte, er freue sich wahhhnsinnig, dass wir gekommen seien. Ich fror bereits ganz schoen, denn der Pfarrer hatte es mit Weihwasser sehr gut gemeint, aber dann begann jemand von einer Empore aus mit Schwarzbier zu spritzen und ich war voellig durchnaesst. Zusammen mit dem Getreide und den Schnipseln war das eine ganz schoene Sauerei auf dem Boden… Dann suchten sich alle einen Platz und bekamen Sekt serviert. Ich vertrage das ja nicht sooo gut. Hortencia meinte, sie wuerden alle schlecht ueber uns reden, wenn ich nicht trinke, ich MUESSE trinken. Darum trank ich fuer den Ruf des Inti-Teams auf das Brautpaar. Und noch einmal mit einem dunklen Mixgetraenk. Und noch viermal mit einem Glas Bier. Es war 17 Uhr. Vermutlich waren die BKHW-Menschen schon drueben im Inti. Der betrunkene Onkel und ein Ehepaar, das sich an unseren Tisch gesetzt hatte, um meine Hochzeit mit ihrem Sohn zu vereinbaren, floessten mir unablaessig Bier ein. Ich musste den Brauch, der “Pachamama” (Mutter Erde) vor dem Trinken eines Glases einen Schluck auf den Boden zu schuetten, ganz schoen ausnutzen, mit jedem halben Glas zu der Sauerei auf dem Boden beitragen, um dem Chef meiner Organisation und auch Ludwin nicht komplett betrunken unter die Augen treten zu muessen. Aber Hortencia amuesierte sich praechtig und behauptete, es sei unhoeflich, jetzt zu gehen. Ich ging trotzdem. Um 18 Uhr und hackedicht. Die BKHW-Menschen waren natuerlich laengst da und unterhielten sich mit Ludwin. Etwas ueberschwaenglich begruesste ich sie und merkte schnell, dass ich in meinem Zustand am besten gleich ganz den Mund hielt. Ich kam nicht drumherum ein paar bloede Fragen (“Und hier so alles okay bei dir?”) noch bloeder zu beantworten (“Alles paletti!”) und fuer den Ausflug am naechsten Tag zuzusagen, aber dann gingen sie zum Glueck auch bald wieder und dann kam auch schon Horti, um mich wieder zu der Party zu schleifen. Marcelo und Giovana begleiteten uns diesmal. Auf der Party hatte sich inzwischen einiges getan. Giovanas Mutter, eine ansonsten eher serioese und misstrauische Cholita nannte mich laut “Hija!” (Tochter) und der Braeutigam fiel gerade ruecklings in einen leeren Bierkasten, als das Essen serviert wurde, natuerlich unter anderem von der hilfsbereiten und fleissigen Giovana. Als die mir vom Nachmittag als schweigsam bekannte Cholita anfing, mir schwiegermutterhafte Sachen zu erzaehlen, steckte Marcelo die unberuehrte Whiskyflasche unter seine Jacke und schleifte seine Tante und mich nachhause. Aus meiner ersten bolivianischen Hochzeit nehme ich drei Dinge mit: viele witzige Karnevalsstorys, Kopfschmerzen, und den Traum, einmal in einem schwingenden Cholitarock zu tanzen.

In der folgenden Woche hatten wir mit den Trommeln einen grossen Auftritt in La Paz auf dem Platz vor der Iglesia San Francisco, einem der wichtigsten Plaetze der Hauptstadt, ganz schoen aufregend. Wir mussten uns ganz alleine dahinorientieren, weil Ludwin mit den BKHW-Leuten auf der Konferenz hockte und Iveth auf ihre kleineren Kinder aufpassen musste. Wir trafen uns, wie immer eine Stunde zu spaet um halb 9 statt halb 8 zu zwoelft im Inti, um von dort aus runter in die Stadt zu fahren. Marcelo eroeffnete mir noch, dass er wegen seiner Rueckenschmerzen die Caja nicht spielen koenne und ich deshalb alleine den Trupp anfuehren muesse, Iveth zwang uns, die viel zu grossen rot-schwarzen Inti-Shorts zu tragen, und Einzelne verspaeteten sich so sehr, dass es meine deutsche Seele am Telefon schmerzte: “Vivi, wo zur Hoelle bist du??”- “Ehm…bin fast da…” *aus dem Bett steig* Irgendwie schafften wir es trotzdem, um 10 an der Brauerei zu sein. Von dort aus sollten wir eine Demonstration fuer menschenrechte bis zur San Francisco begleiten und dort auf der grossen Menschenrechtsveranstaltung auftreten. Wir schminkten uns Sonnen und Monde und ich einen Stern aufs Dekolleté, den ich heute stolz als Sonnenbrandtattoo trage. Hochgekrempelt sahen auch die Hosen eigentlich ganz cool aus. Beim Demonstriertrommeln ging von uns wohl ganz schoen viel Energie aus. Wir trommelten und schrien und tanzten und die Leute schauten und schrien und tanzten, und die Autofahrer, denen wir die Strasse blockierten, schauten und schrien und hupten. Marcelo sagte uns, wir sollten keinen von ihnen vorbeilassen und wir schrien sie an, sie sollen den Mund halten und nicht stoeren, wir demonstrieren hier fuer Menschenrechte! Das war unglaublich, so erfolgreich die Aufmerksamkeit auf uns und das wofuer wir kaempfen zu lenken. Das haben wir aber an dem Tag noch getoppt. Aber erstmal wurde es langweilig, wir mussten ewig warten. Solange traten bei dieser Veranstaltung groesstenteils schlechte oder langweilige Acts auf. Giovana, Fatima und René wurden darueber zickig und setzten sich beleidigt in die Ecke, also hatten wir schonmal keine Zirkuskunststuecke mehr. Das Programm zog und zog sich. Bei einer besonders uninteressanten Gedichtrezitation stellten wir uns mit den mit Spruechen und Forderungen beklebten Trommeln mitten auf den Platz, besassen zumindest die Hoeflichkeit, die Sprechenden nicht zu unterbrechen, hauten aber, sobald das Gedicht fertig war, kraeftig rein, wir trommelten und tanzten wie wild und Benito und Aldo spuckten ihr groesstes Feuer. Die Schaulustigen freuten sich sehr ueber dieses Rambazamba und als wir von den Organisatoren der zaehen Veranstaltung verwiesen wurden stolzierten wir einfach trommelnd um die naechste Ecke. Die Leute folgten uns, denn unser Spektakel war wohl weitaus ausgefallener und eindringlicher als das, was auf dem Platz passierte. Wenn du eine Message rueberbringen willst, muss das die Leute doch auch irgendwie packen. Du musst sie fesseln, nicht einschlaefern, sonst gehen sie und denken Menschenrechte sind langweilig. So ein Statement muss Energie haben!

Ansonsten ist es gerade ziemlich entspannt im Inti. Ich mache die meiste Zeit irgendetwas am Laptop, Banner entwerfen, ein Video uebers Inti, Fotos ordnen… Und zwischendurch fuer Marcelo Pflanzen gegen Zombies weiterspielen, wenn sein Vater ihm das Handy wegnimmt und mir in die Hand legt. Immoment bereiten wir uns ausserdem auf die Caminata vor, die viertaegige Wanderung Ende des Monats. Das Inti macht diese Wanderung jedes Jahr. Das was ich gehoert habe ist, dass man um sechs Uhr aufstehen muss, taeglich sieben Stunden wandert, es immer regnet, und dass die Freiwilligen vor mir immer geweint haben. Die andere Seite sind aber wunderschoene Fluesse, Lamas , und Mangos, die man vom Wegrand pfluecken kann. Ausserdem ist Wandern geil. Das wird grossartig! Ludwin zwingt uns jeden Tag Uebungen zu machen. Dabei kann ich meine BTHV-Atlethiktrainings- und Orthopaedenschulpraktikumserfahrung einbringen, um Giovana dabei zu helfen, ihren Knieschmerzen vorzubeugen. Ich fuehl mich fit fuer die Caminata und freu mich extrem drauf.

Gestern war ich mit Martin wandern, auf einen Gipfel von 5200m, deren Namen wir nicht wissen. Das war alles unfassbar schoen, die Aussicht, die Lagune, die Aussicht, die Einsamkeit, und das beste war die Aussicht. Auf 5000m, als wir nur noch ein bisschen klettern mussten, wurde ich unangenehmerweise hoehenkrank. Mir war echt kotzuebel und ich hatte die Kopfschmerzen meines Lebens. Ich sagte Martin, ich werde auf jeden Fall noch da hochlaufen, ich gehe nicht nachhause, ohne auf diesem Gipfel gewesen zu sein. Ich war dann auch oben, allerdings nur wenige Minuten, dann begann ich schonmal abzusteigen, um Martin nicht auf sein Broetchen kotzen zu muessen. Dann weiss ich ausser Kopfschmerzen eigentlich gar nicht mehr viel vom Abstieg. Martin haette wohl gerne noch etwas gegessen, aber ich wollte unbedingt schnellstmoeglich runter, damit die Hoehenkrankheit abklingt. Das letzte Stueck war noch extrem witzig, es bestand naemlich aus einem riesigen, steilen, ganz weichen Schuttfeld aus winzigen Steinchen, die beim Runterpurzeln wie ganz viele kleine Gloeckchen klangen. Wir sind da unter grosser Begeisterung runtergeskatet, nicht ohne uns dabei gegenseitig zu filmen. Video folgt (vielleicht). Das hat mich aber leider nicht geheilt. Als wir wieder an der Strasse ankamen uebergab ich mich erstmal anstaendig in den Graben. Ein Ehepaar (das das nicht gesehen hatte) erbarmte sich, uns mit dem Auto in die Stadt mitzunehmen, wo wir dann aber noch nicht ankamen. Gerade als der Señor erzaehlte, er sei schonmal in Koeln gewesen und habe am Rhein Bier getrunken, mussten wir “¡Pare, pare!” schreien, wir mussten anhalten und ich musste aus dem Auto fallen und nochmal etwas Unangenehmes am Strassenrand lassen. Martin fand es unheimlich witzig, dass ich anfing zu kotzen, wenn jemand ueber Koelsch redete. Mir ist noch nichts eingefallen, das boese genug ist, um ihm das heimzuzahlen. Brit wuerde jetzt sagen, der sei mit seinem Dresdner Dialekt genug gestraft. Wir sollten wohl besser alle unseren Lokalstolz ablegen.

 

Das wars erstmal wieder. Froehliche Weihnachten, ihr Schlingel! Hinterfragt mal ein bisschen diesen Shoppingrummel und versetzt euch in die Lage meiner Schulkinder hier. Die wuenschen sich Fruehstueck, oder ein paar intakte Schuhe, oder einen Papi, kein Apple iSowieso. Nur mal ganz kurz und ganz bewusst. Vielleicht wuenschen sie sich ein paar Dinge, die ihnen beim Lernen helfen oder mit denen sie Musik machen koennen, oder einen Ort an dem sie nicht alleine sind und Mittagessen bekommen. Weiteres dazu unten.

#moralapostelstyle #ihrwisstgenaudassichrechthab

 

Eure Klabaraba

 

DE 60267700240066039902

Arts by Children

Stichwort: Inti Phajsi

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