Ein bisschen Fun

Ich glaube, ich habe den Bogen raus, was den Umgang mit den Kindern angeht. War gar nicht so schwer. Der Schluessel ist einfach gute Laune. Wenn man sich auf die Kinder einlaesst und eine, sagen wir mal angenehme, Gesellschaft fuer sie darstellt, wissen sie diese auch zu schaetzen. Zu Kleinergemeinerjunge (9, Name geaendert) aus der U.E. Espana habe ich heute urploetzlich einen Zugang gefunden, als ich ihn mit dem „links auf die Schulter tippen und rechts von ihm stehen als waer nichts“-Trick veraeppelt habe und danach dasselbe mit mir habe machen lassen. Dann hat er ploetzlich auf mich gehoert, seine Aufgaben gemacht und sich dabei bereitwillig von mir helfen lassen, zwischendurch wirklich gute Scherze machend. Boeseslauteskind (10) aus dem Colegio Bolivia Mar hat mir, nachdem wir uns nach der Stunde gegenseitig ein bisschen durchgekitzelt hatten, versprochen, er werde sich in der naechsten Stunde benehmen. Aber schade eigentlich, ich haette ehrlich gesagt jedes Mal am lautesten ueber seine ungefragt in die Klasse gerufenen, aber sehr gehaltvollen Witze lachen koennen. Meine heutige Eingebung ist jedenfalls, dass ich mich einfach in bestimmten Dingen nicht ueber die Kinder stellen sollte. Ich weiss im Gegensatz zu ihnen das kleine Einmaleins auswendig, dass man seinen Muell nicht auf die Strasse werfen soll und anderen Leuten zuhoert, wenn sie reden. Das kann ich auch alles schoen versuchen zu uebermitteln, aber wie, wenn ich doch keine Vorstellung habe, von ihrer Welt, von ihren Ansichten und von dem, was ihre Eltern ihnen mitgeben. Ich weiss nicht warum, aber ihre Mamas, allesamt Cholitas, sind mir immernoch sehr fern. Allein dadurch, dass sie sich so anders kleiden, als Mamas die ich kenne, gibt es eine kranke Unterscheidung in meinem Kopf. Aber darum gebe ich einfach erstmal das weiter, was an jedem Ort und in jeder Sprache funktioniert: Ein Lachen. Ein bisschen Fun hilft doch jedem Menschen etwas weiter. Und dann ist das Einmaleins vielleicht schon gar nicht mehr so schlimm.

Was mich gruselt, ist mein Verhaeltnis zu Zuhause. Alles was ich damals um mich hatte, scheint gar nicht so wirklich zu sein, wenn ich hier in Bolivien rumrenne. Andersrum, wenn ich mir eine Weile auf meinem guten alten zersplitterten Handydisplay Fotos von „damals“ (es sind eigentlich nur einige Wochen) anschaue und ploetzlich das Telefon beiseitelege, wundere ich mich, dass ich in Bolivien sitze, und dann ist alles noch umso weiter weg. Es macht mir ein bisschen Angst, so stark abgeschottet von all den alten Dingen zu sein. Und dann unterstuetzt mein Kopf das auch noch, in dem er an alles ganz genaue Erinnerungen hat, aber so tut, als wuerde ich mir das alles nur vorstellen und es tue nichts mehr zur Sache. Das finde ich nicht so nett von ihm.

Letzten Montag habe ich Hortencia besucht, um ihr Brits und meine Schluessel vorbeizubringen. Ich hab ihr eine Packung Rocher mitgebracht, die ich vorher fuer teuer Geld im Hypermaxi (Der hoechste Supermarkt der Welt mit den niedrigsten Preisen) gekauft hatte. Ich bestehe nicht darauf, Hortencia staendig eine Freude zu machen, aber sie isst so gerne Schokolade, dass man nicht anders kann, als ihr Schokolade zu schenken, um dieses Glueck was dann immer in der Luft liegt, hervorzurufen. Ob es an der Schokolade lag weiss ich nicht, aber diese Frau ist wirklich nicht nachtragend. Wir haben geredet, als waere ich nie nachts um halb 5 angetrunken in ihre Wohnung gestolpert. Sie hat mich und Brit herzlich eingeladen, mal haeufiger wieder vorbeizukommen und mit ihr zu kochen und uns an sie zu wenden, wenn wir irgendwelche Sorgen oder Probleme haetten. Sowas hatte hier noch nie jemand zu mir gesagt und es tat gut und war wichtig. Einmal hatte ich schon Heimweh gehabt und mich auf dem Dach des Intis einem der vielen Ziegelsteine anvertrauen muessen.

Ein relativ typischer Montag war das (wers VERGESSEN hat, ich habe Montags frei), an dem ich bis 10 geschlafen hatte, aber aufgewacht war, weil der Vermieter seine Waesche im Hof abhaengte und sich dabei theoretisch einen Meter neben mich ans Fenster stellen und mir beim Schlafen zusehen konnte, was er aber natuerlich noch nie getan hatte. Dann spiele ich ein bisschen Gitarre, knuepfe Armbaendchen und falte Origami-Lamas und gehe mittags zum Fruehstueck auf der Strasse Huehnchen essen. Dann kaufe ich ein, putze ein bisschen die Bude, koche, setze mich aufs Sofa und warte mit dem Essen darauf, dass mein Gatte Brit von der Arbeit kommt. Wenn ich zwischendurch mal Zeit habe, fahre ich mit dem Teleferico nach La Paz ins Blueberries, esse Schokocrepe und schreibe etwas in meinen langweiligen Blog. Das wird jedes Mal wieder ein gelungener Tag!

Jetzt reichts, muss naemlich auf die Toilette.

Wenn ihr jemanden trefft, den ich kenne, richtet liebe Gruesse aus!

Eure Klara

4 Gedanken zu „Ein bisschen Fun

  1. Liebe Klara,
    vielen lieben Dank für Deinen Blog. Ich finde es überaus interessant von Deinem bolivianischen Alltag zu lesen und es ist toll, dass Du die täglichen Herausforderungen so kreativ löst. Die Perspektive für den Blick hier auf unsere Leben ab und an zu wechseln, wobei ein „normaler“ Urlaub dazu eigentlich immer zu kurz ist, lässt vieles plötzlich anders aussehen.
    Liebe Grüße
    Deine auf weitere Geschichten hoffende
    Heidi

  2. Liebe Klara,
    ich bin Journalistin und arbeite für den WDR. Für ein Filmprojekt suchen wir gerade junge Leute, die im Ausland unterwegs sind und wir sind auf Dich und Deinen Blog aufmerksam geworden. Falls Du ggf. Lust hast da mitzumachen, melde Dich doch bitte mal bei mir (ich hoffe Du kannst meine Emailadresse sehen, sonst findest Du meinen Kontakt auch über meine Webseite Alexandra-hostert.de). Dann würde ich Dir genauer erklären, worum es geht.
    Ich würde mich freuen, von Dir zu hören!
    Viele Grüße aus Bonn, Alexandra Hostert

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